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Dienstag, 1. Dezember 2009, 04:13

Über Freiheit - für Selbstentwickler

...
Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen,
den du da entwirftst, ist eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
Wir haben es aber mit wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist
auf Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen,
wenn sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei
ihren Neigungen und ihrer Liebe folgen. Ich bezweifle das keineswegs.
Nur ein Blinder könnte es.
Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses
letzte Einsicht sein sollte. Saget dann einfach: die menschliche Natur
muß zu ihren Handlungen gezwungen werden, solange sie nicht frei ist.
Ob man die Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze
bezwingt, ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen Geschlechts-
trieb folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller Sittlich-
keit eingeschnürt ist, ist für einen gewißen Gesichtspunkt ganz gleich-
gültig.
Man behaupte aber nur nicht, daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung
die seinige nennt, da er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist.
Aber mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die
freien Geister, die sich selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang,
Religionsübung usw. Frei sind sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei,
insofern sie sich unterwerfen.
Wer von uns kann sagen, daß er in all seinen Handlungen wirklich frei ist?
Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie
Mensch ausspricht.
Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben zusammen.
Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zu Ende denken, ohne auf den
freien Geist als die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.
Wahrhaft Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei sind.
Das ist ein Ideal, werden viele sagen. Ohne Zweifel, aber ein solches, das
sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche arbeitet.
Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben
hat und das sich auch in der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich
ankündigt.
Wäre der Mensch ein bloßes Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen,
d.i. von Ideen, die augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber
gefordert wird, ein Unding. An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch
die Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige getan, wenn wir den Zusammen-
hang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben.
Beim Menschen ist das nicht so. Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn
selbst bestimmt; sein wahrer Begriff als sittlicher Mensch (freier Geist)
ist mit dem Wahrnehmungsbilde "Mensch" nicht im voraus objektiv vereinigt,
um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu werden. Der Mensch muß
selbsttätig seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen. Begriff und
Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt.
Er kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, d.i. seinen eigenen
Begriff gefunden hat.
In der objektiven Welt ist durch unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen
zwischen Wahrnehmung und Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze. In der
subjektiven Natur ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet
sie im Laufe seiner Entwicklung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff
zur Ausgestaltung bringt. So führt uns sowohl das intellektuelle wie das sittliche
Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das Wahrnehmen(unmittelbares Erleben)
und Denken. Das intellektuelle Leben überwindet die Doppelnatur durch die
Erkenntnis, das sittliche durch die tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes.
Jedes Wesen hat seinen eingeborenen Begriff(das Gesetz seines Seins und Wirkens);
aber es ist in den Außenbedingungen unzertrennlich mit der Wahrnehmung verbunden
und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von dieser abgesondert. Beim Menschen
selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt, um von ihm
ebenso tatsächlich vereinigt zu werden.
Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem Augenblicke
seines Lebens ein bestimmter Begriff, sowie jedem anderen Dinge auch.
Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen solchen
auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des
freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.
Das ist einseitig gedacht. Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden
Veränderung unterworfen. Als Kind war ich ein anderer, ein anderer als Jüngling
und als Mann. Ja, in jedem Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein anderes als
in den vorangehenden. Diese Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen,
daß sich in ihnen nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie
den Ausdruck des freien Geistes darstellen. Diesen Veränderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden,
wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden. Die
Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit;
der Mensch bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungs-
stoff in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet.
Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetz-
mäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen. Die Natur
läßt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwicklung aus ihren Fesseln
los; die Gesellschaft führt diese Entwicklung bis zu einem weiteren Punkte;
den letzten Schliff kann nur der Mensch sich selbst geben.
Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie Geist
die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch existieren kann. Sie sieht in der freien
Geistigkeit nur das letzte Entwicklungsstadium des Menschen.
Damit ist nicht geleugnet, daß das Handeln nach Normen als Entwicklungsstufe seine
Berechtigung habe. Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandard anerkannt
werden. Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur Gebote als Motive empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen(Intuitionen)
einrichtet.
Wenn Kant von der Pflicht sagt: "Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts
Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung
verlangst", der du "ein Gesetz aufstellst ..." vor dem alle Neigungen verstummen,
wenn sie gleich im geheimen ihm entgegenwirken", so erwidert der Mensch aus dem
Bewußtsein des freien Geistes: "Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du
alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest,
und mich zu niemandes Diener machst, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst,
sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird,
weil sie jedem nur auferzwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt."
Das ist der Gegensatz von bloß gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.

R. Steiner, Die Philosophie der Freiheit

Der Meister ist sich selbst Gesetz(Eckankar)

Emil

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Rudolf Steiner - Vom Menschenkeim zum Menschen in Ägypten und der Gegenwart

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