Die Chakren sind für die spirituelle Evolution und die Relativität der
Wahrnehmung von großer Bedeutung.
Stellen wir uns einfach mal vor, sieben Leute hätten sich zu einem
Picknick zusammengefunden.
Es ist ein herrlicher Tag, und im Park ist ordentlich was los.
Jeder dieser sieben Menschen wird je nach Aktivität seiner Chakren
eine andere Welt um sich herum erfahren. Dies ist natürlich eine
hypothetische Geschichte, denn es kommt kaum vor, daß die Chakren
so einzeln aktiviert sind, wie wir uns das hier vorstellen wollen.
Doch zur Verdeutlichung nehmen wir einmal an, daß jede dieser Personen
ihre Wahrnehmung durch eines dieser Chakren erfährt.
Die erste Person lebt also hauptsächlich durch ihr Wurzel-Chakra, das
am unteren Ende der Wirbelsäule angesiedelt ist. Dieser Mensch wird
sich vor allem um seine Sicherheit und sein Überleben sorgen. Da kann
die Welt so schön sein wie sie will, er ist ängstlich, fühlt sich durch
die Menschen um sich herum bedroht und verhält sich Fremden gegenüber
defensiv.
Die zweite Person, die wir uns vorstellen, lebt vorwiegend durch ihr
zweites Chakra, das ungefähr vier Zentimeter über dem ersten sitzt.
Dieser Mensch ist ständig auf der Suche nach sexuellen Erfahrungen.
Wenn er nicht damit beschäftigt ist, potentielle Partner aufzuspüren,
dann gibt er sich sexuellen Phantasien hin. Diese Person mag es sogar
schwierig finden, mit jemandem aus der Gruppe ein richtiges Gespräch
zu führen, weil er ständig damit beschäftigt ist, Ausschau zu halten.
Die dritte Person unserer Gruppe schaut durch ihren Solarplexus auf
die Welt. Ihr geht es vor allem um Macht und Status. Wenn sie sich
mit jemandem einläßt, dann nur, weil sie sich etwas davon verspricht.
Die vierte Person ist ganz auf das Herzchakra konzentriert, das in der
Mitte der Brust hinter dem Brustbein sitzt. Diesem Menschen wird die
Welt voller Liebe erscheinen. Es geht hierbei nicht um eine romantische
Form der Liebe, sondern mehr um das, was die alten Griechen Agape nannten,
göttliche Liebe. Für diesen Menschen ist die Welt Liebe. Das kann von einem
sanften Gefühl der Verbundenheit bis zu einer tief greifenden Erfahrung
universeller Liebe reichen. Manche dieser Menschen fallen spontan in Samadhi,
weil ihr Bhakti (die Erfahrung göttlicher Liebe) so intensiv ist. Menschen
mit einem offenen Herzen meinen oft, daß alle anderen die Welt genauso erleben
wie sie. Die Erkenntnis, daß dem nicht so ist, kann für sie zu einer
erschütternden Erfahrung werden.
Unsere fünfte Person ist ganz auf ihr Kehlchakra konzentriert, das im Bereich
der Stimmbänder angesiedelt ist. Dies ist ein außerordentlich kreativer
Mensch, und je nachdem wie stark seine Willenskraft ist, werden seine Schöpfungen
sich mehr oder weniger schnell realisieren. In vielen alchemistischen Traditionen
wird davon berichtet, daß sich die Worte einer Person in fortgeschrittenem
Entwicklungszustand unmittelbar manifestieren.
Der Sechste in unserer Gruppe ist medial begabt, weil sein Drittes Auge geöffnet
ist. Der Energiepunkt für dieses Chakra sitzt hinter der Stirn mitten über den
Augen. Manche yogische Systeme siedeln ihn jedoch zwischen den Augen etwa zwei
Zentimeter hinter der Nasenwurzel an. Interessanterweise ist dies der Bereich
der Hypophyse (das oberste Steuerungsorgan des endokrinen Systems) und des
Hypothalamus (die Kommunikationszentrale zwischen Gehirn und Körper). Es ist
doch hochinteressant, daß dieses Energiezentrum gerade an einem solch bedeutenden
Nervenknotenpunkt liegt.
Ein Mensch mit offenem Dritten Auge sieht die Welt durch den Filter der inneren
Sicht. Es fällt ihm leicht, die Aura oder das Energiefeld eines anderen wahrzu-
nehmen, vielleicht sogar dessen Gedanken und Gefühle. Es kann sogar sein, daß diese
Person prophetische Visionen hat, in denen sie mögliche Zukunftsszenarien von jemandem
sieht. Ich sage mit Bedacht "mögliche", denn ich glaube nicht, daß die Zukunft vorher-
bestimmt ist. Es gibt Möglichkeiten und Entscheidungspunkte, und ein medial begabter
Mensch kann diese manchmal wahrnehmen. Aber niemand kann die Zukunft eines anderen
mit Bestimmtheit voraussagen, weil wir alle über die Kraft der Entscheidung verfügen.
Und unsere Entscheidungen beeinflussen unser Schicksal.
Die siebte Person in unserer Gruppe ist ganz auf das Kronen-Chakra bezogen, das an der
obersten Stelle des Kopfes sitzt. Dieser Mensch sieht die Welt als ein Spiel der Maya,
der Illusion. Er ist in der Welt, aber losgelöst von ihr. Es ist nicht leicht, sich
vorzustellen, wie so ein Mensch die Welt wahrnimmt, denn hier ist das Bewußtsein seiner
selbst gewahr. Der Spiegel der Aufmerksamkeit wurde nach innen gewendet und der Yogi
oder die Yogini hat das Selbst gesehen, das große Eine, lebendige Sein, das sich in
unzähligen Formen ausdrückt. So ein Mensch mag für das Leiden anderer Mitgefühl empfinden,
doch er läßt sich nicht einwickeln. Er sieht die Welt als ein Schattenspiel. Unberührt
von den Dramen des Lebens hat er den Puppenspieler erkannt und das Licht, das die
Schatten hervorruft. Was vorher als Wirklichkeit galt, wird nicht mehr so wahrgenommen.
Dieser Mensch hat Erleuchtung erlangt.
In Wirklichkeit ist es natürlich viel komplexer, weil die Chakren nicht so der Reihe nach
aktiviert werden. Eine Person kann eines oder mehrere Chakren weit offen haben, während die
psychologische Motivation ihres Handelns aus einem der geschlossenen Chakren stammen kann.
Viele vertrauensselige Anhänger (chelas) von spirituellen Meistern sind durch dieses
Phänomen enttäuscht worden. Sie haben sich vielleicht von den offensichtlichen spirituellen
Kräften oder sogar übernatürlichen Fähigkeiten eines Lehrers angezogen gefühlt, nur um dann
festzustellen, daß diese Person machthungrig und manipulativ ist. Vielleicht wird die
persönliche Intimsphäre verletzt. Eine unerwünschte sexuelle Annäherung durch einen
spirituellen Lehrer oder eine Lehrerin kann für einen Schüler oder eine Schülerin zu einem
großen psychologischen Problem werden.
Das Problem liegt darin, daß spirituelle Kräfte nicht unbedingt mit persönlicher Reife
einhergehen. Ein Yogi oder eine Yogini, die Samadhi erlangt haben, müssen sich nicht mit
ihren psychologischen Problemen auseinandergesetzt haben. Wenn sie in ihren unteren Chakren
noch Unerledigtes mit sich herumtragen, dann kann es zu einem Mißbrauch ihrer spirituellen
Kräfte kommen.
Zum Beispiel kann ein Mensch ein großartiger Lehrer sein, doch wenn er in seiner Psyche
Menschenverachtendes mit sich trägt, dann gnade Gott seinen Schülern. Eine andere Person
mag über herausragende mediale Fähigkeiten verfügen, ohne jedoch das Bedürfnis nach Manipulation
aufgelöst zu haben. Sie mag alle Merkmale der Spiritualität aufweisen, doch sie wird ihre
Fähigkeiten dazu einsetzen, ihre Anhänger mehr oder weniger subtil zu beeinflussen.
Häufig sind sich diese Menschen ihrer psychologischen Motivationen nicht bewußt. Doch auch
Unbewußtes kann Schaden anrichten. Tatsächlich entsteht aus unseren unbewußten Motivationen
oft größerer Schaden als aus unseren bewußten. Dies ist einer der Gründe, weshalb meiner
Meinung nach jeder, der den Weg der Alchemie gehen will, sich seinen psychologischen
Hintergrund und seine Motivationen bewußt machen sollte.
Tom Kenyon: Das Manuskript der Magdalena